Wissenschaftliche Artikel lesen

Wissenschaftliche Artikel und Ähnliches machen in meinem Studium den grössten Teil des Lesepensums eines Durchschnittsstudenten. Bis ich im Literaturstudium den ersten wirklich „literarischen“ Text gelesen habe, verging erstaunlich viel Zeit. Leider muss ich auch sagen, dass mir mein Studium die Lust am Lesen eher vermiest als sie gefördert hat. Während ich noch im Gymnasium fast ständig neben den Büchern, die ich für Deutsch, Französisch und Englisch lesen musste, noch irgend einen anderen Lesestoff zur Hand hatte, habe ich in den letzten vier Jahren glaube ich gerade mal vier oder fünf Bücher gelesen, die absolut nichts mit der Uni zu tun hatten (was sich übrigens – das habe ich mir fest vorgenommen – in nächster Zeit unbedingt ändern soll; dazu aber ein andermal mehr).

Weit wichtiger – und schwieriger – als das Lesen in der Freizeit ist aber die Bewältigung des Lesepensums für die Uni. Neu war für mich zum Beispiel das Lesen von relativ kurzen, dafür umso schwierigeren und mit mehr Informationen gefüllten Texten in Form von wissenschaftlichen Artikeln. Leider tue ich mich bis heute insbesondere mit philosophischen Texten schwer, was aber vor allem an meiner konstanten Faulheit liegt, diese Artikel zweimal zu lesen. Ein paar Strategien habe ich aber dennoch entwickelt und die möchte ich mit euch teilen.

  1. Überblick verschaffen:
    Bevor ich mich an einen wissenschaftlichen Artikel wage, schaue ich ihn mir kurz durch, um die Struktur zu erfassen. Das heisst, ich markiere Titel und Untertitel in unterschiedlichen Farben (meist blau und rot) und versuche herauszufinden, um was es eigentlich geht. Wenn der Artikel keine Untertitel hat, dann lese ich in der Regel einfach mal die ersten paar Sätze und den letzten Abschnitt – wenn ich besonders gute Laune habe auch mal jeweils den ersten Satz jedes Abschnitts. Gute Artikel sind nämlich so gegliedert, dass man daraus schon die wichtigsten Informationen ziehen kann.
    Wichtig ist auch, vor dem Lesen zu erfassen, was das eigentliche Thema des Textes ist. Geht es um etwas, bei dem ich mich schon auskenne, wie z.B. allgemeine Phonetik, oder ist es ein Thema, von dem ich noch nie etwas gehört habe? Was habe ich zu dem Thema schon gelesen, wie gross und detailliert ist mein Vorwissen? Ist es ein Artikel, der einen Überblick geben will oder geht es um die Untersuchung eines spezifischen Phänomens oder eines Textabschnitts?
  2. Markieren und zusammenfassen:
    Wie ich bereits gesagt habe, kommen bei mir für die Titel in der Regel blaue und rote/pinke Leuchtstifte zum Einsatz, im Text markiere ich dann jeweils mit gelb und manchmal zusätzlich noch mit grün. Zur Zeit arbeite ich daran, mir ein fixes „colour-coding“-System zuzulegen, aber das steckt noch in den Kinderschuhen.
    Grundsätzlich versuche ich auch, so wenig Leuchtstift wie möglich zu benutzen und eigentlich nur die Struktur eines Texts hervorzuheben. Zusätzlich notiere ich mir wichtige Stichworte und manchmal sogar kurze Zusammenfassungen der einzelnen Abschnitte am Blattrand oder auf einem separaten Blatt. „Richtige“ Zusammenfassungen mache ich nur selten und ich hatte auch noch nicht besonders oft das Bedürfnis danach.
  3. Nachschlagen:
    Gerade bei französischen oder englischen Texten muss ich immer ein Wörterbuch zur Hand haben, weil es doch immer wieder passiert, dass ich den Sinn bestimmter Wörter aus dem Kontext nicht erschliessen kann, bzw. es einfach nicht eindeutig ist, was jetzt genau gemeint ist. Oft greife ich dabei auf meine Handy-App zurück oder schlage sogar via PC in der Online-Version des Grand Robert nach (wenn ich besonders seriös sein und keine Übersetzungen sondern Definitionen suchen will).
  4. Nachbereiten:
    Diesen Schritt mache ich leider noch zu selten. Meistens lese ich einen Text einfach ein- oder zweimal durch und lasse es dabei bewenden. Wenn ich aber zu einem Artikel einen Vortrag machen muss oder ich weiss, dass im Seminar intensiv darüber diskutiert werden wird, versuche ich anschliessend an die Lektüre die wichtigsten Aussagen zusammenzufassen.
    Ausserdem versuche ich auch, die Quellen und die Konzepte zu rekonstruieren, die der Autor benutzt. Das hilft mir zum Beispiel bei Vorträgen, wenn ich mir überlegen muss, was meine Mitstudenten schon wissen und was ich noch erklären muss (es gibt diverse Konzepte, die einfach als vorausgesetzt angesehen werden können, andere sind nicht unbedingt bekannt und deshalb muss ich diese noch recherchieren und erklären). Dies hilft übrigens auch für schriftliche Arbeiten, wenn ich noch mehr Quellen brauche.
    In der Regel passiert das aber nicht in Form einer klassischen Zusammenfassung, sondern einfach nur stichwortartig auf einem Blatt Papier.

Beim Lesen an sich habe ich keine bestimmte Strategie. Ich versuche einfach, das Lesetempo dem Schwierigkeitsgrad des Texts anzupassen. Das heisst, dass ich bei einem einfachen Text zu einem Thema, in dem ich mich schon etwas auskenne, eher schnell lese und auch mal das eine oder andere überspringe, bei einem eher schwierigen Text oder einem, der ein mir unbekanntes Thema behandelt, lese ich eher langsam, um auch wirklich alles zu erfassen.

Diese Lese-„Technik“ wende ich übrigens auch auf andere wissenschaftliche Literatur und bei der Recherche für Seminararbeiten an. Da ist besonders der erste Teil wichtig: Ich schau mir in der Regel das Inhaltsverzeichnis relativ genau an und kann so dann rausfinden, welche Kapitel für mich relevant sind und welche ich getrost auslassen kann. Meistens lese ich Fachbücher auch nicht von vorne nach hinten durch, sondern springe von Kapitel zu Kapitel und lese wirklich nur, was ich für wichtig erachte.

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