Lesen: Dramen

Dramen haben zur Zeit das allergrösste Potential, meine neue Lieblingslektüre zu werden. Früher konnte ich sie nicht ausstehen, aber heute gefallen sie mir durch viele Punkte.

  • Sie sind schnell gelesen. Zumindest die klassischen, französischen Dramen, die ich zur Zeit für die Leseliste bearbeiten muss, lesen sich in einem einzigen Nachmittag, wenn ich durchhalte.
  • Es geht vorwärts. Was ich an gewissen Romanen (und die Franzosen sind da meiner Meinung nach Spitze) nicht ausstehen kann ist, wenn die Handlung seitenweise um das gleiche dreht oder einen Zeitrahmen von dutzenden Jahren abdeckt (der Grund, warum ich Buddenbrooks nie fertiggelesen habe). In Dramen ist die Handlung normalerweise innerhalb von 24 Stunden erledigt, es gibt meist nur einen Handlungsort und die Anzahl der Figuren hält sich stark in Grenzen. Kurz, knackig, genau so wie ich das gerne habe.
  • Sie bieten sooo viel Analyse-Potential. Das ist das Geniale daran, wenn man Literatur studiert. Ich kann ein Drama einfach so zum Spass lesen, weglegen und mir nie mehr Gedanken darüber machen. ODER ich mache mich hinter die Kommentare, das Vorwort, das Nachwort und was sonst noch alles an Zusatzmaterial verfügbar ist und kann mich stundenlang über Rezeptionsgeschichte, Aufführungen, Interpretationen usw. informieren.

Und damit ich für mich auch immer einen Überblick über die wichtigsten Punkte habe, mache ich mir in der Regel Notizen zu Folgendem:

  1. Figurenkonstellationen
    Die sind immer wichtig und interessant. Meistens mache ich mir ein kleines Schema dafür, wer mit wem verwandt, verschwägert, liiert, verfeindet oder sonstwie verbunden ist. Das hilft auch dabei, Mechanismen der Handlung zu verstehen.

    Figurenkonstellation für den Tartuffe von Molière

    Figurenkonstellation für den Tartuffe von Molière

  2. Einhaltung der Vorgaben
    Dramen waren jahrhundertelang strengen Regeln unterworfen. Fünf Akte, aufgeteilt in Exposition, Höhepunkt und Katastrophe, mit den entsprechenden Übergängen dazwischen. Dazu kommen die Regeln der „unité“ (das deutsche Wort ist mir entfallen) von Zeit, Ort und Handlung. Und das Spiel mit genau diesen Regeln macht ein Drama doppelt interessant.
  3. Anwesenheit und Abwesenheit der Figuren
    Das ist neu für mich, aber in einer Vorlesung im Frühlingssemester hat uns eine Professorin anhand eines Anwesenheitsprotokolls zu Cinna von Corneille einige sehr interessante Punkte erklären können. Deshalb habe ich angefangen, das für die Dramen, die ich zur Zeit lesen muss, zu machen, und es ist wirklich sehr interessant, was man herausfindet, wenn man nur schon sieht, wer wie viel Präsenzzeit hat und welche Figuren oft miteinander auf der Bühne stehen.
    Hier (Tartuffe) findet ihr ein Beispiel für so ein Anwesenheitsprotokoll. Alle Felder, die grün „ausgemalt“ sind, bedeuten Anwesenheit der entsprechenden Figur in der jeweiligen Szene.
  4. Handlungsstränge
    Das habe ich auch erst im letzten Semester erfahren, aber dieselbe Professorin, die uns das Anwesenheitsprotokoll präsentiert hat, meinte auch, wir sollten uns jeweils darüber Gedanken machen, welche verschiedenen Handlungsstränge bzw. Ziele es gibt. Jede Figur hat verschiedene Ziele in einem Stück (z.B. die Eroberung einer Geliebten, das Erreichen der Gunst des Königs etc.) und arbeitet daran. Verschiedene Ziele stehen miteinander in Konflikt, was ja erst dazu führt, dass man ein Stück daraus macht. Diese Konstellationen herauszufinden, macht erstaunlich oft sogar Spass 🙂

Natürlich ist das jetzt nur ein ganz kurzer Überblick darüber, was man an einem Drama alles analysieren kann. Die Vorlesung, die ich im letzten Semester zu dem Thema besucht habe, hat mir gezeigt, dass es unzählige Aspekte an einem Theaterstück gibt, die man untersuchen kann. Je nach Epoche und Typ des Dramas (Komödie, Tragödie, Tragikomödie) kommen andere Dinge hinzu, die man beachten muss. Macht die Sache auf der einen Seite schwieriger, auf der anderen Seite unglaublich interessant. 🙂

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Ein Gedanke zu „Lesen: Dramen

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