Die sinnloseste Doppelstunde aller Zeiten

Eine Erzählung aus dem Studentenalltag, zweite Semesterwoche:

Der Prof kommt fünf Minuten nach dem Klingeln in den für knapp 40 Studenten viel zu grossen Hörsaal, in dem normalerweise Wirtschafts- und Jusstudis die etwas kleineren Vorlesungen haben (sprich mit immer noch fast 200 Leuten). Keine Entschuldigung, gar nichts, nur ein ellenlanger Vortrag darüber, dass wir uns doch nächstes Mal alle in die ersten vier Reihen und etwas mehr in die Mitte setzen sollen, weil er sonst ständig von einer Seite zur anderen blicken muss.

kleine Anmerkung am Rande: Den Hörsaal hat er selbst beantragt, nachdem er von der ursprünglichen Zuteilung in einen Seminarraum, in dem wir alle gerade so Platz gefunden hätten, überhaupt nicht begeistert gewesen war. 

Dann fängt er die Stunde – zehn Minuten zu spät – nochmals mit der gleichen Präsentation an, die er uns in der ersten Woche schon gezeigt hatte, geht sie im Eiltempo durch und teilt uns umständlich mit, dass er ein paar Dinge daran geändert habe und diese Präsentation dann auch auf Olat stehen würde (was sie, wie ein schneller Blick aufs Tablet zeigt, bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht tut). Gut, soweit kann man das noch als Repetition sehen. Dann kommt der neue Part: Er erklärt uns, dass er die ganze Vorlesung auf einem dicken Wälzer (also eigentlich drei dicken Wälzern) zur Sprachgeschichte beruhen wird, den er natürlich, wie er nicht müde wird zu betonen, selbst betreut und mit herausgegeben hat – so etwas ähnliches hatte er uns auch letzte Woche schon erzählt, aber weniger ausführlich. Dann zeigt er uns für jede Lektion des Semesters eine Liste mit Artikeln, die wir lesen sollen (insgesamt wohl weit über hundert Seiten pro Woche) und dass wir, wenn wir all diese Artikel lesen würden, wohl kaum noch in die Vorlesungen kommen wollten, weil da eigentlich schon fast alles stünde, was er uns erzählen würde. Deshalb sollten wir nur die Artikel lesen, die uns wirklich interessierten, den Rest würde er uns in der Vorlesung erzählen.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon mindestens fünfmal die Augen verdreht und muss mich bemühen, nicht auf dem Tablet anzufangen, auf dem Internet rumzusurfen. Das einzige, was mich davon abhält, ist die Hoffnung, dass irgendwann noch etwas inhaltlich relevantes kommt.

Die Erklärungen zu den Artikeln schmückt er mit Anekdoten aus der Zeit der Entstehung seines Wälzers aus und mit seiner Meinung zu jedem der Autoren und ihrer Arbeit. Alles Dinge, die ich in der Pause oder nach der Vorlesung einigermassen spannend finden würde, aber gerade jetzt wünsche ich mir, dass er endlich zum Thema kommt, wegen dem ich mich eigentlich für die Vorlesung angemeldet habe.

Nachdem er uns die Artikel alle lang und breit erklärt hat, inklusive Geschichte ihrer Entstehung, kommt nun endlich der genaue Plan des Semesters und die Ankündigung, dass wir eine kleine, zweiseitige Arbeit werden schreiben müssen und dass im April oder Mai nochmals eine Lektion allein fürs Bibliographieren eingeplant ist.

Die Lektion zum Bibliographieren hatten wir letztes Semester schon und sie war auch da schon absolut sinnlos, weil ich nach mittlerweile 11 Semestern an zwei verschiedenen Unis schon mindestens fünf Einführungen in die bibliographische Recherche und ins Bibliographieren erhalten hatte. Ich fühle mich gerade sowas von bevormundet.

In der Fünfminutenpause bitte ich ihn darum, dass er uns doch die genauen Anforderungen für den Leistungsnachweis noch schriftlich geben und auf Olat stellen soll, worauf er meint, das mache eigentlich erst Mitte Semester Sinn (wir dürfen also nicht früher anfangen). Aber er würde das bestimmt machen und ich solle ihn doch nochmals daran erinnern, falls er es vergesse. Im April stehe ich mit einer 100%-Garantie wieder da vorne und stelle die gleiche Frage nochmals, weil er es vermutlich verpeilt hat.

Die zweite Lektion startet mit dem Herunterlesen der Präsenzliste, was eigentlich mehr dazu dient, dass er sieht, welcher Name zum welchem Student/zu welcher Studentin gehört. Bei meinem Namen sagt er: „Ah oui, bien sûr“ und grinst dazu fast ein wenig süffisant, was mich leer schlucken lässt. Er ist bekannt dafür, dass man es sich mit ihm verscherzen kann und dann nichts mehr auf die Reihe kriegt. Und ich hatte mich eigentlich bemüht, eher unauffällig zu sein. Ist wohl schiefgegangen. Ob zum Positiven oder Negativen, das wird sich wohl noch zeigen müssen.

Dann kommt der Höhepunkt der Doppellektion: Das erneute Durchgehen des Inhaltsverzeichnisses (schreibt man das so?) seines Wälzers. Das hatten wir sinnloserweise letzte Woche schon gemacht. 1:1. Ausgeschmückt natürlich mit weiteren Anekdoten und Geschichten rund um die Entstehung des Handbuchs. Und danach das Herunterlesen des Vorworts (das zu lesen war Hausaufgabe!), ausgeschmückt mit Kommentaren zur Sprachkompetenz des Schreibers (über das Französisch des Profs werde ich mich jetzt nicht auslassen). Und nach ein paar Kommentaren zum Verlag und seiner Preispolitik folgt zum krönenden Abschluss noch das schnelle Lesen des Epilogs des Wälzers, den er selbst geschrieben hat. Was eigentlich nur dazu dient, seine eigene Mitarbeit an diesem „Meilenstein“ der Sprachgeschichtsschreibung zu betonen.

Ich hätte eigentlich auch zu Hause bleiben und den Nachmittag zur Vorbereitung meiner Unterrichtsstunden brauchen können. Als ich aus der Stunde rauslaufe, wünsche ich mir, noch wie damals mit 15 zu sein, als wir einem Lehrer, der eine so schlecht geplante Doppelstunde abgehalten hätte, ordentlich auf der Nase herumgetanzt wären.

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