Lesen: Mittelhochdeutsche Literatur

In der Anfangsphase dieses Blogs habe ich mal ein zwei Einträge zum Thema Lesen verfasst (Romane und Dramen). Heute möchte ich diese Liste um einen weiteren Eintrag ergänzen. Persönlich finde ich mittelhochdeutsche Literatur, insbesondere höfische Romane, etwas unglaublich faszinierendes. Vermutlich hängt das auch ein wenig mit meiner Faszination für Fantasy-Literatur zusammen. Jedenfalls braucht Literatur aus dem 11. bis 15. Jahrhundert eine ganz andere Herangehensweise als ein moderner Text.

Dies liegt zum einen an der Sprache, die sich natürlich immens von heutigem Deutsch unterscheidet. Für einmal ist man als Schweizer aber im Vorteil, denn viele Veränderungen, die das Deutsche bis zum heutigen Sprachstand durchgemacht hat sind im Schweizerdeutschen nicht oder nur teilweise vollzogen worden. Wenn man einen mittelhochdeutschen Text mal laut vorliest, dann versteht man in der Regel schon einiges. Aber natürlich kommt man, wenn man diese Texte fürs Studium liest, kaum um eine Einführung in die mittelhochdeutsche Sprache herum – zu gross sind die Unterschiede und gerade mittelhochdeutsche Satzstrukturen sind für einen Menschen des 20. Jahrhunderts nicht immer gleich durchschaubar. Auf der anderen Seite ist es aber auch (und vor allem) die Kultur, die einem Mühe bereiten kann. Was man bei einem Goethe-Text bereits sieht, verstärkt sich bei Hartmann von Aue und Co. um ein Vielfaches: Die ganze Lebenswelt war damals einfach ganz anders. So wie wir heute ganz selbstverständlich über Computer und Internet schreiben, erzählten die Leute damals von Turnieren und Jagden und warfen dabei mit Fachvokabular um sich, das damals jeder verstand, vor dem wir heutzutage aber völlig ratlos stehen. Ganz zu schweigen von der Weltsicht, die sich innerhalb von 800 Jahren massiv verändert hat.

Mittelhochdeutsche Literatur liest sich also nicht ganz so leicht und locker wie ein Roman des 20. oder 21. Jahrhunderts. Deshalb habe ich, wenn ich mich an ältere Literatur wage, immer noch ein paar Hilfsmittel zur Hand. Zunächst einmal kommen die meisten mittelhochdeutschen Texte schon in einer zweisprachigen Ausgabe daher – wenn ich also einen Abschnitt nicht verstehe, dann kann ich notfalls einfach mal die neuhochdeutsche Version konsultieren. Trotzdem versuche ich, wenn immer möglich, die Originalfassung zu lesen. Dazu brauche ich aber auch immer meinen treuen Lexer. So nennen wir das Mittelhochdeutsche Taschenwörterbuch von Matthias Lexer, das mich schon seit meinem ersten Studienjahr begleitet und ein treuer Freund und Helfer ist. Dass „lützel“ wenig und „michel“ viel heisst, erkennt man nämlich nicht so einfach und ist auch aus der Übersetzung nicht immer gleich erkennbar.

Viel mehr als sonst konsultiere ich bei mittelhochdeutschen Texten auch die Stellenkommentare (wenn die denn vorhanden sind), denn insbesondere, wenn Anspielungen auf andere Texte oder Dichter gemacht werden oder von Turnieren die Rede ist, braucht man enorm viel Hintergrundwissen, um das zu verstehen. Genau dazu sind die Kommentare da. Und wenn die Kommentare nicht mehr ausreichen (weil auch da einiges vorausgesetzt wird), dann konsultiere ich gerne mal Joachim Bumkes Höfische Kultur. Darin wird ausführlich auf alle möglichen Themen eingegangen, die in höfischen Texten (also Minnesang, Romane etc.) auftauchen. Das reicht von den allgemeinen Gesellschaftsstrukturen über den Ritterstand bis zu Fragen der Bekleidung etc. (Kleiderbeschreibungen können sich insbesondere in Romanen über dutzende Verse erstrecken).

Alles in Allem gewöhnt man sich aber relativ schnell an die Besonderheiten mittelalterlicher Literatur. Das Lesen geht irgendwann ziemlich leicht vonstatten (ähnlich wie bei französischen und anderen fremdsprachigen Texten) und die kulturellen Hintergründe lernt man mit der Zeit kennen. Gewöhnungsbedürftig sind natürlich die kulturell bedingten Erzählstrategien, die zum Beispiel dazu führen, dass ellenlang über Rüstungen, Kleider oder das Für und Wider höfischer Liebe, die verschiedenen Varianten einer Geschichte oder den unglaublichen Qualen, in die die Minne (die übrigens öfter personifiziert als in Form eines abstrakten Konzepts vorkommt) Männer wie Frauen stürzen kann. Aber wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, kann diese Art von Literatur unglaublich spannend sein.

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