Liebe Seminararbeit

Du begleitest mich jetzt schon eine ganze Weile. Es gab in den letzten Monaten nur wenige Tage, an denen ich mich nicht mit dir beschäftigt habe. Anfangs fand ich das ja noch toll, du warst interessant, witzig, geistreich. Aber jetzt – langsam gehst du mir auf die Nerven. Das ist wohl so, wenn man zu viel Zeit miteinander verbringt, so ganz ohne Pause. Besonders mit so schwierigen Typen wie dir, die einfach nicht auf den Punkt kommen wollen und die das Gefühl haben, sich ständig neu erfinden zu müssen, ohne sich wirklich zu verändern. Du meldest dich in den unpassendsten Momenten zu Wort, willst ständig meine Aufmerksamkeit und hälst mich davon ab, Zeit für andere Dinge aufzuwenden. Dinge, die mir wichtig wären. Aber du lässt es nicht zu, dazu bist du zu eifersüchtig. Immerhin hat diese Sache zwischen uns ein vorbestimmtes Ablaufdatum.

Eigentlich sollte ich ja inzwischen klüger sein – ich hatte schon oft mit Typen wie dir zu tun und es war immer dasselbe: Ein etwas holpriger Start, dann eine euphorische Anfangsphase, gefolgt von einem mehr oder minder tiefen Loch, aus dem ich mich mit grosser Anstrengung wieder herausgehievt habe, um die Trennung so sauber und schmerzlos wie möglich zu machen. Die Nachwehen der Trennung waren meistens mit äusserst gemischten Gefühlen verbunden. Meistens war es vor allem Erleichterung, dass ich die Trennung endlich geschafft habe. Aber die schlaflosen Nächte und die daraus folgende Unfähigkeit, mich auf anderes zu konzentrieren, mit der habe ich mich immer noch nicht abgefunden.

Wenn ich zurückblicke, war jedes Mal, dass ich mich mit einem wie dir eingelassen habe, im Nachhinein zwar eine Genugtuung und eine lohnende Erfahrung, aus der ich klüger und stärker hervorgegangen bin, aber der Weg dahin so unglaublich mühsam, dass ich mich immer wieder frage, warum ich mich immer wieder mit deiner Sorte einlasse. Ja, warum eigentlich? Damit mein Leistungsnachweis etwas schöner aussieht? Warum wende ich so viel Zeit für Typen wie dich auf, wenn ich es doch so viel einfacher und leichter haben könnte? Aber ich bin wohl auch hier Perfektionistin. Ich stecke viel zu viel Zeit in diese Sache, obwohl ich weiss, dass sie nicht für die Ewigkeit gemacht ist und ich dich bald wieder gehen lassen muss. Ob es mir passt oder nicht.

Ich weiss jetzt schon, was nächsten Donnerstag, wenn ich endlich mit dir fertig bin, kommt: Der grosse Hangover. Vermutlich werde ich das ganze Wochenende zu Hause rumsitzen und nichts tun, weil du mir immer noch Kopfschmerzen bereitest. Oder nein, der nächste von deiner Sorte steht ja schon bereit. Der will übers Wochenende auch noch etwas Zeit mit mir verbringen. Aber der nervt mich jetzt schon, also werde ich ihm wohl nur halb so viel Zeit zugestehen, wie er gerne hätte. Wenn’s denn funktioniert. Ihr seid immer so schrecklich besitzergreifend.

Also tu mir den Gefallen und mach die letzten paar Tage noch ein wenig angenehm. Ich habe keine Lust darauf, mich im Streit von dir zu trennen. Und schon gar nicht, später nochmals mit dir konfrontiert zu werden, weil ich dich nicht so behandelt habe, wie du es von mir erwartest.

Danke.

Herzlich,
Melina

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2 Gedanken zu „Liebe Seminararbeit

  1. Paul

    Ich lese sie immer wieder gerne, meine Tochter. Schön geschrieben. Hätte es nicht besser gekonnt. Ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss und bewundere immer wieder, wie du all diese Arbeiten (Typen?) schaffst. Grosses Kompliment.

    Gefällt 1 Person

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