Stress – oder eben auch nicht

Wenn mich Leute heute fragen, wie es mir geht, dann beinhaltet meine Antwort meistens irgendwo das Wort „Stress“. Seit sieben Jahren ist das so (vielleicht auch schon länger, so genau weiss ich es nicht) und erst vor Kurzem ist mir aufgefallen, wie bescheuert diese Aussage eigentlich ist. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich meistens gar nicht so viel Stress wie ich immer behaupte. Wenn ich es schaffe, mich einigermassen zu organisieren, dann ist er nicht nur aushaltbar, sondern sogar eher knapp bemessen. Ich habe im Grunde eine Menge Freizeit, kann mir meine Tage zu einem grossen Teil selbst einteilen, kann sogar – wenn ich mir die Zeit denn nehme – neben der Uni, wo ich schon eine Menge guter Bücher zu lesen kriege, auch noch ein paar Bücher zum Spass lesen und wenn ich will, dann kann ich es mir hin und wieder auch mal erlauben, einen Abend lang nichts zu machen. Oder auch zwei Abende. Oder die halben Osterferien. Und irgendwie krieg ich dann doch nch alles erledigt.

Gleichzeitig tue ich aber auch alles, um die Aussage „ich bin halt immer ein bisschen im Stress“ zu rechtfertigen. Ich sammle die Aufgaben regelrecht (meine Schwester meinte mal, ich ziehe Verantwortung richtig an). Ständig kommt irgendetwas dazu – ein neuer Nachhilfekurs hier, ein Ämtchen oder Helfereinsatz da. Das erste, was dann in der Regel gestrichen wird, sind Freizeitaktivitäten, für die ich weiter als ein paar Meter aus meinem Haus oder von der Uni weg gehen muss. Und irgendwann im Semester trifft es dann tatsächlich zu, dass ich im Stress bin, weil ich nach und nach alles weggestrichen habe, was Spass macht und stattdessen nur noch tue, was mich anstrengt und was mich nervt. Ich hab es ja schon so lange immer wieder gesagt, früher oder später musste es ja so weit kommen. Dabei wäre es doch klüger, das eine oder andere von dem, was mich nervt, wegzustreichen (oder zumindest zu reduzieren) und mir stattdessen etwas mehr Zeit für Dinge wie das Schreiben, Lesen oder auch mal wieder für meine Klarinette zu nehmen.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, in Zukunft das Wort „Stress“ aus meinem Wortschatz zu streichen. Ich habe vielleicht viel zu tun, aber Stress ist für andere. Also wenn ihr mich dabei ertappt, zu sagen, ich wär im Stress, habt ihr ab jetzt offiziell das Recht, mich zu pieksen (hauen nicht, das habe ich schon für so viele andere Dinge reserviert, dass ich sonst nur verwirrt bin).

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