So etwas wie ein Geständnis

Für einmal etwas nachdenklicheres. Ein paar Gedanken, die ich mir im Vorfeld zu meinem letzten Beitrag gemacht habe.

Ich lasse mich viel zu leicht von der Meinung anderer beeinflussen. Mein ganzes Leben lang habe ich in der Angst davor gelebt, was andere von mir denken mögen, wenn ich ihnen mein wahres Ich zeige, wenn ich laut ausspreche, was mich im Innersten bewegt, wenn ich meine Interessen offen verfolge.

So viele Dinge habe ich nicht oder nur im Verborgenen getan, weil ich Angst hatte, dass mich die Leute deswegen verurteilen könnten. So oft habe ich Dinge auf später verschoben, weil ich dachte, niemanden zu finden, der es mit mir tut, statt entweder einfach zu fragen oder es schlicht alleine zu tun.

Das hat dazu geführt, dass die meisten Menschen mich eigentlich gar nicht richtig kennen. Sie wissen nicht, dass ich Poesie eigentlich ganz wunderbar finde, dass ich Goethe vergöttere und Hesse sowieso. Sie haben keine Ahnung davon, wie viel mir eine einfache Liedzeile bedeuten kann. Sie wissen nicht, dass Beethoven mein Held ist, dass seine Musik mich in einem Masse bewegt, das ich kaum in Worte fassen kann. Sie wissen nicht, dass Schreiben meine wahre Passion ist – nicht die Musik, nicht der Sport, nicht das Unterrichten. Die Literatur und die Sprache vielleicht noch, aber eigentlich auch sie nur im Dienste meines Schreibens. Kaum jemand ahnt, wie viel es mir bedeutet, Worte zu Papier zu bringen. Kaum jemand weiss, wie sehr es mich immer in den Fingern kribbelt, wenn ich einen Text lese.

Denn viel zu oft lasse ich mich davon abhalten, das zu tun, was ich tun will, weil ich darauf bedacht bin, was die anderen von mir denken. Allzu selten gebe ich diese Dinge preis aus Furcht davor, was die Menschen damit machen könnten. Ich habe Angst, der Kritik schutzlos ausgeliefert zu sein – oder gar nicht bemerkt zu werden. Was von beidem schlimmer ist, weiss ich selbst nicht. Denn eigentlich kann mir beides wurscht sein. Schliesslich mache ich es nicht für andere, sondern für mich.

Wie viele Bücher habe ich nicht gelesen, weil alle darüber reden? Wie viele Bücher habe ich nicht gelesen, weil niemand sie mir empfehlen konnte? Ich möchte nicht Mainstream sein, aber werde Lehrerin wie 80% meiner Mitstudenten. Ich möchte das Schreiben zu meinem Beruf machen, aber weil ich so oft gehört habe, es sei schwierig, sich damit ein Leben zu finanzieren, weiche ich auf die Sicherheitsvariante aus. Statt mir endlich ein Publikum zu suchen, meine Texte nach aussen zu tragen und mich gegen die Kritik zu wappnen. Die sowieso erst kommt, wenn meine Texte ein breiteres Publikum erreichen. Und bis dahin habe ich mir hoffentlich eine etwas dickere Haut zugelegt.

Immer wieder nehme ich mir vor, jetzt endlich hervorzutreten, mein wahres Ich in die Welt zu tragen. Aber dann merke ich, wie sich die Blicke auf mich richten und ich krebse zurück. Denke, dass es wohl doch keine so gute Idee sei, und dass ich wohl besser noch etwas warte. Ich bin extrovertiert, das ist Teil meiner Persönlichkeit. Dass ich aber auch extrem unsicher bin, übersehen viele.

An der Uni wäre ich gerne wie Hermine Granger. Ich würde gerne meine Bücher schon Wochen vor Schulbeginn auswendig gelernt haben, alles Zusatzmaterial lesen, Stunden in eine vertiefte Recherche investieren, wenn zur Not auch fünf Minuten reichen würden, würde gerne alles über ein Thema erfahren, ohne mich dafür zu schämen. Immer und immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich eigentlich gerne in die vorderen Reihen sitzen würde, mich dann aber doch für einen Platz weiter hinten entscheide, weil ich nicht als Streberin dastehen möchte. Ich möchte mich nicht mehr schämen, ein Nerd zu sein. Denn eigentlich bin ich genau das. Es ist nicht die Bequemlichkeit, die mich davon abhält, in jeder freien Minute meine Nase in ein Buch zu stecken oder Gedichte auswendig zu lernen. Es ist die Vorstellung davon, was andere über mich denken könnten. Ich war so sehr damit beschäftigt, mich anzupassen, mich in den Mainstream zu fügen, dass ich darüber viele meiner eigentlichen Interessen, meine eigentlichen Vorlieben vergessen habe.

Anstatt mich im Schreiben zu üben, wie ich es gerne tagtäglich tun würde, statt mich darauf zu stürzen, mein liebstes Hobby und eines meiner grösseren Talente zum Beruf zu machen, habe ich die letzten paar Jahre an der Uni zwar wichtige und tolle Dinge gelernt, aber auch viele Dinge nicht getan, viele Grundlagen nicht gelegt, die ich gerne gelegt hätte.

Weil ich nicht als Oberstreber dastehen oder mich vor meinen Mitstudenten als Nichtwissende blamieren wollte, habe ich es vermieden, zu diskutieren. Ich habe nicht, wie ich es mir immer wieder vorgenommen habe, die Biographien meiner Lieblingsautoren gelesen – denn trotz allem habe ich immer noch Lieblingsautoren. Ich habe mir nicht erlaubt, links und rechts des Weges auch einfach mal sogenannte Trivialliteratur oder Jugendbücher zu lesen, denn schliesslich kommandierte die Uni die Klassiker als höchste Priorität. Statt meinen Interessen und meiner Intuition einfach zu folgen, habe ich das getan, was der breite Strom von mir verlangte. Und dabei mein Selbst vergessen.

Wie oft habe ich mir vorgenommen, endlich dieser Passion zu folgen und es dann doch nicht getan, weil ich Angst hatte, es könnte einfach nur das Überbleibsel eines kindischen Kleinmädchentraums sein? Wie oft habe ich es mir vorgenommen, endlich meinen Impulsen, meinen Gefühlen und Neigungen zu folgen und mich dann doch wieder von der unmittelbar bevorstehenden Notwendigkeit ablenken lassen? Nun ja, noch ist Zeit, mich anders zu entscheiden und den Worten auch Taten folgen zu lassen. Zeit, meine Entscheidung Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Angefangen habe ich immerhin schon.

Advertisements

4 Gedanken zu „So etwas wie ein Geständnis

  1. Eva

    Dein Gefühl kenne ich auch nur zu gut. In der Schule habe ich mich fast nichts getraut. In der Familie musste ich immer das machen was Eltern von mir verlangt haben und brav sein.
    So konnte ich mich in bestimmten Dingen nicht entfalten. Es stellt sich aber immer als größter Fehler heraus etwas zu machen, was man eigentlich nicht wirklich will. Du bist wahrscheinlich auch nicht so gut, wenn du etwas halbherziges machst.
    An der Uni entscheidet sich so viel. Hast du eine Gruppe, hast du keine Gruppe, welche Gruppe hast du, welche Kontakte hast du, sagst du viel, sagst du wenig.
    Ich dachte anfangs, dass es egal ist was man trägt, was man für eine Antwort gibt, wenn man wie nett und sympathisch findet.
    Es ist aber genau so wie du schreibst. Es hängt so stark ab.
    Viele Personen wollen dazu gehören und machen Sachen, die sie eigentlich gar nicht wollen. (und auf die sie im nachhinein nicht stolz sind)

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Melina Autor

      Das schwierigste im Leben ist wohl, zu lernen, zu sich selbst zu stehen und im richtigen Moment auch einfach mal über die schiefen Blicke hinweg zu sehen, sich nicht darum zu kümmern, was gedacht wird oder werden könnte. Denn viel öfter als wir denken schauen die anderen gar nicht erst hin… Damit klarzukommen erfordert aber eine dicke Haut und auch der Umgang mit vergangenen Fehlentscheidungen und dem Wissen, dass man sich verstellt hat, will gelernt sein. Glücklicherweise bin ich da mit einigen Vorbildern gesegnet, die mir genau das beibringen.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  2. ninaxy3

    Kann ziemlich gut nachvollziehen was du meinst; zwar nicht direkt auf das Schreiben oder Lesen bezogen sondern eher generell. Man macht sich oft auch einfach viel zu sehr Gedanken darüber, was andere Leute von einem halten könnten, wenn man das und das tut. Dabei kann einem das in der Theorie auch komplett egal sein. By the way, es hindert dich ja keiner daran auch Paralleltexte etc. zu lesen, steht dir ja schließlich auch nicht auf die Stirn geschrieben. Du tust das ja für dich und weil es dich persönlich in diesem Moment grade interessiert ^^

    Eine Freundin von mir meinte letztens, dass sie bestimmte Dinge nicht unbedingt erzählen will, weil sie es nicht sagen will, sondern weil sie befürchtet, dass die anderen Leute sie dann in einem ganz anderen Licht sehen würden. Dabei waren diese Leute, nicht nur irgendwelche Leute, sondern Freunde. Ich finde grade diese Gedanken sollten einen dazu bewegen, darüber nachzudenken was einem im schlimmsten Fall passieren könnte. Na und, dann halten dich halt ein paar Leute für einen Streber oder für was auch immer. Aber eines verspreche ich dir: Du wirst mit deiner Entscheidung um einiges glücklicher sein und zum anderen interessiert es die meisten gar nicht, ob du jetzt den Text mehr gelesen oder das anders gemacht hast 😉

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Melina Autor

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, genau so etwas wollte ich ausdrücken. Es ist doch in fast allen Bereichen so: Wie oft tragen wir ein bestimmtes Kleidungsstück nicht oder besuchen eine Veranstaltung nicht, einfach nur, weil wir Angst davor haben, was die Leute über uns denken. Dabei ist es am Ende (finde ich zumindest) doch viel schlimmer, wenn wir zurückblicken müssen und sagen müssen, wir hätten unser Leben nicht nach unserem Geschmack gelebt.
      Und ja, viel öfter als wir denken ist es den Leuten wurscht. Also können wir uns auch einfach reinstürzen 😉

      Gefällt 1 Person

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s