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Ich will nicht Lehrerin werden

So, jetzt ist es raus. Nein, ich will nicht bis zu meiner Pensionierung oder meinetwegen auch nur für die nächsten zehn Jahre tagtäglich in Schulzimmern stehen und pubertierenden Teenagern Goethe näherbringen oder die Schönheiten der Französischen Sprache erläutern. Ich will nicht Prüfungen erstellen und Aufsätze bewerten, ich will mir nicht Jahr für Jahr eine neue Eröffnung meiner allerersten Stunde ausdenken oder eben die Eröffnung vom letzten Jahr wiederholen. Nein, diese Erkenntnis ist nicht das Produkt einer plötzlichen Eingebung, sondern Ergebnis von Überlegungen, die ich mir seit mehreren Jahren mache und die sich im Laufe der letzten paar Monate immer weiter konkretisiert haben.

Ungefähr acht Jahre lang habe ich jedem, der mich gefragt hat, gesagt, dass ich Lehrerin werden will. Die Antwort hat alle beruhigt: Verwandte, die sich nicht vorstellen konnten, was zum Teufelman mit Germanistik anfangen sollte, Freunde, für die diese Frage genauso wichtig war wie für mich, am meisten aber mich selbst. Ich hatte ein konkretes, erreichbares Ziel vor Augen, mit dem ich mich das ganze Studium über bei der Stange halten konnte. Es hat meine Existenzängste etwas besänftigt, zu wissen, dass am Ende meines Studiums ein einigermassen sicherer Job auf mich warten würde (wie naiv ich damals doch war!). Und es hat mir immer wieder dabei geholfen, mich im Dschungel der Lehrveranstaltungsangebote zurechtzufinden.

Gleichzeitig hat es mich aber auch eingeschränkt. Ich bin sieben Jahre lang mit dem konstanten Gedanken daran, was mir das dann später im Schulzimmer etwas bringen würde, durch die Uni gegangen. Immer wieder habe ich mir gesagt «das brauchst du später eh nie» und bin weitergegangen, ohne weitere Gedanken an ein Thema zu verschwenden, das mich eigentlich interessiert hätte. Statt mich ehrlich meinen Interessen zuzuwenden, habe ich mich dem Nützlichen zugewandt. Aber letztendlich hat die kleine, nagende Stimme gesiegt, die immer wieder Zweifel angemeldet hat, die mich immer wieder dazu gedrängt hat, mich mit Dingen zu beschäftigen, die nichts mit Schule zu tun haben und die weit über den möglichen Horizont eines Mittelschülers hinausgehen.

Die Aussicht, Lehrerin zu werden, gab mir Orientierung und bewahrte mich vor der Frage «was dann?». Ja, wenn nicht Lehrerin – was dann? Was will ich stattdessen tun? Sobald dieses Ziel wegfällt, muss ich mich ehrlich mit meinen Stärken und Schwächen auseinandersetzen, muss links und rechts des Weges bewusst hinschauen und mir überlegen, wo es mich hinziehen könnte. Einmal mehr stehe ich an einer Kreuzung, hunderte Wege, die ich wählen könnte, und ich muss mich für einen entscheiden. Ich muss mich fragen, was es sonst noch für Ideen gibt, die mich interessieren. Ich muss mir überlegen, welche Talente ich wirklich für wichtig erachte und was mir im Leben am wichtigsten ist.

Es ist nicht so, dass ich das Lehrersein als für mich völlig unpassend abgestempelt habe. Feedbacks von Schülern, Kollegen und Praxislehrpersonen haben mich grundsätzlich darin bestätigt, dass ich zumindest nicht schlecht darin bin, zu unterrichten. Die Arbeit mit Jugendlichen macht mir Spass, ich begleite sie gerne ein Stück auf ihrem Weg und ich freue mich über jeden noch so kleinen Erfolg. Ich möchte bei meiner Arbeit Menschen begegnen. Ich möchte etwas weitergeben. Aber das klassische Schulzimmer, die Kantonsschule als Rahmen, das ist nicht das, was ich will. Es ist mir nicht wohl bei dem Gedanken, die nächsten paar Jahrzehnte in diesen Räumen zu verbringen, mit diesen Lehrplänen und mit den Fragen, die das ‘klassische’ Lehrerdasein mit sich bringen.

In knappen neun Monaten werde ich meinen Master abschliessen. Spätestens dann muss ich eine Vorstellung davon haben, was ich mit meinem Leben zumindest für das nächste Jahr anfangen will. Ich brauche noch keinen Masterplan für den Rest meines Lebens, aber ich möchte zumindest wissen, wohin mich mein Weg als nächstes führen wird, welche Interessen und Stärken ich als nächstes ausleben, an welchen Schwächen ich arbeiten möchte. Und ich muss wissen, was ich als nächstes lernen will.

Ich habe noch zwei Semester. Allerhöchste Zeit also, mich damit auseinanderzusetzen, was man mit Germanistik sonst noch so anstellen kann.

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Seltsame Fähigkeiten, die man sich als Lehrerin aneignet

Nr. 4: Improvisation. Seinen ganzen Zeitplan über den Haufen werfen und innerhalb von Sekunden einen neuen Plan und einen neuen Arbeitsauftrag entwerfen, weil die Schülerin in der dritten Reihe eine so angeregte und so gute Diskussion angerissen hat, dass es schade wäre, mittendrin abzubrechen, aber die Zeit schlicht nicht mehr reicht, um alles, was für die Lektion geplant war, noch fertigzumachen.