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Warum auch Altfranzösisch manchmal Spass macht

Oft sind Seminare in alten Sprachen ja eine echte Qual – man versteht nix, die Lebenimg_20160316_211708.jpgswelt dieser Menschen ist uns ungefähr so fern wie Neuseeland und irgendwie will man nicht so recht warm werden (so zumindest habe ich es gehört). Für mich aber überwiegen diese wunderbaren Momente, wo man zum Beispiel bei der Übersetzung von alten Tischsittenbüchern über Abschnitte stolpert, wo über zwölf Verse gepredigt wird, man soll ja nicht zu viel trinken, denn sonst habe man am nächsten Tag einen schweren Kopf und müsse sich grauenhaft seiner Taten schämen. Ausserdem sei es eine Sünde, sich durch den Alkohol in eine allzu gesprächige Stimmung versetzen zu lassen. Von den wunderbaren Abschnitten über übermässiges Essen und die richtige Konversation bei Tisch mal ganz abgesehen.

Hach, manche Probleme haben sich in den letzten 800 Jahren wohl überhaupt nicht geändert ^^

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Lesen: Mittelhochdeutsche Literatur

In der Anfangsphase dieses Blogs habe ich mal ein zwei Einträge zum Thema Lesen verfasst (Romane und Dramen). Heute möchte ich diese Liste um einen weiteren Eintrag ergänzen. Persönlich finde ich mittelhochdeutsche Literatur, insbesondere höfische Romane, etwas unglaublich faszinierendes. Vermutlich hängt das auch ein wenig mit meiner Faszination für Fantasy-Literatur zusammen. Jedenfalls braucht Literatur aus dem 11. bis 15. Jahrhundert eine ganz andere Herangehensweise als ein moderner Text.

Dies liegt zum einen an der Sprache, die sich natürlich immens von heutigem Deutsch unterscheidet. Für einmal ist man als Schweizer aber im Vorteil, denn viele Veränderungen, die das Deutsche bis zum heutigen Sprachstand durchgemacht hat sind im Schweizerdeutschen nicht oder nur teilweise vollzogen worden. Wenn man einen mittelhochdeutschen Text mal laut vorliest, dann versteht man in der Regel schon einiges. Aber natürlich kommt man, wenn man diese Texte fürs Studium liest, kaum um eine Einführung in die mittelhochdeutsche Sprache herum – zu gross sind die Unterschiede und gerade mittelhochdeutsche Satzstrukturen sind für einen Menschen des 20. Jahrhunderts nicht immer gleich durchschaubar. Auf der anderen Seite ist es aber auch (und vor allem) die Kultur, die einem Mühe bereiten kann. Was man bei einem Goethe-Text bereits sieht, verstärkt sich bei Hartmann von Aue und Co. um ein Vielfaches: Die ganze Lebenswelt war damals einfach ganz anders. So wie wir heute ganz selbstverständlich über Computer und Internet schreiben, erzählten die Leute damals von Turnieren und Jagden und warfen dabei mit Fachvokabular um sich, das damals jeder verstand, vor dem wir heutzutage aber völlig ratlos stehen. Ganz zu schweigen von der Weltsicht, die sich innerhalb von 800 Jahren massiv verändert hat.

Mittelhochdeutsche Literatur liest sich also nicht ganz so leicht und locker wie ein Roman des 20. oder 21. Jahrhunderts. Deshalb habe ich, wenn ich mich an ältere Literatur wage, immer noch ein paar Hilfsmittel zur Hand. Zunächst einmal kommen die meisten mittelhochdeutschen Texte schon in einer zweisprachigen Ausgabe daher – wenn ich also einen Abschnitt nicht verstehe, dann kann ich notfalls einfach mal die neuhochdeutsche Version konsultieren. Trotzdem versuche ich, wenn immer möglich, die Originalfassung zu lesen. Dazu brauche ich aber auch immer meinen treuen Lexer. So nennen wir das Mittelhochdeutsche Taschenwörterbuch von Matthias Lexer, das mich schon seit meinem ersten Studienjahr begleitet und ein treuer Freund und Helfer ist. Dass „lützel“ wenig und „michel“ viel heisst, erkennt man nämlich nicht so einfach und ist auch aus der Übersetzung nicht immer gleich erkennbar.

Viel mehr als sonst konsultiere ich bei mittelhochdeutschen Texten auch die Stellenkommentare (wenn die denn vorhanden sind), denn insbesondere, wenn Anspielungen auf andere Texte oder Dichter gemacht werden oder von Turnieren die Rede ist, braucht man enorm viel Hintergrundwissen, um das zu verstehen. Genau dazu sind die Kommentare da. Und wenn die Kommentare nicht mehr ausreichen (weil auch da einiges vorausgesetzt wird), dann konsultiere ich gerne mal Joachim Bumkes Höfische Kultur. Darin wird ausführlich auf alle möglichen Themen eingegangen, die in höfischen Texten (also Minnesang, Romane etc.) auftauchen. Das reicht von den allgemeinen Gesellschaftsstrukturen über den Ritterstand bis zu Fragen der Bekleidung etc. (Kleiderbeschreibungen können sich insbesondere in Romanen über dutzende Verse erstrecken).

Alles in Allem gewöhnt man sich aber relativ schnell an die Besonderheiten mittelalterlicher Literatur. Das Lesen geht irgendwann ziemlich leicht vonstatten (ähnlich wie bei französischen und anderen fremdsprachigen Texten) und die kulturellen Hintergründe lernt man mit der Zeit kennen. Gewöhnungsbedürftig sind natürlich die kulturell bedingten Erzählstrategien, die zum Beispiel dazu führen, dass ellenlang über Rüstungen, Kleider oder das Für und Wider höfischer Liebe, die verschiedenen Varianten einer Geschichte oder den unglaublichen Qualen, in die die Minne (die übrigens öfter personifiziert als in Form eines abstrakten Konzepts vorkommt) Männer wie Frauen stürzen kann. Aber wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, kann diese Art von Literatur unglaublich spannend sein.

Ich glaube, ich habe mich etwas zu laut beklagt…

Fast jedes Mal, wenn ich mich mit ETH-Studenten über die Frage „Prüfungen im Semester oder während den Semesterferien“ unterhalte, komme ich zum Schluss, dass es eigentlich gar nicht so übel wäre, die Prüfungen noch während des Semesters zu haben (weil lernfreie Weihnachten und so), WENN wir dann in den Semesterferien wenigstens schon Infos zum kommenden Semester hätten, sodass wir die vorlesungsfreie Zeit nutzen könnten, um uns aufs nächste Semester vorzubereiten, sodass die ganzen Bücher zum Semesterstart schon gelesen wären. Dieses Semester habe ich mir gesagt, ich schreibe zumindest meine zweisemestrigen Seminararbeiten während den Ferien, dann habe ich zu Semesterbeginn im Februar wenigstens das vom Tisch. Geplant waren halb-entspannte Semesterferien mit dem einen oder anderen Tag, an dem ich mich ausklinken und einfach das lesen kann, was mir gerade Spass macht.

Die Rechnung ist mal wieder nicht aufgegangen. Nicht, dass ich besonders gut im Rechnen wäre (vor allem mit den ganzen Ingenieuren und Naturwissenschaftlern um mich herum komme ich mir manchmal recht beschränkt vor), aber hier kann ich für einmal echt nichts dafür.

Denn als ich diese Woche nochmals ins Vorlesungsverzeichnis geschaut habe (zum Glück bin ich nach wie vor so ein Streber), waren da doch tatsächlich von zwei Kursen schon Leselisten da (und die haben’s echt in sich) und für ein Seminar muss ich den kompletten Tristan von Gottfried von Strassburg lesen (20’000 Verse. Auf Mittelhochdeutsch) und bis eine Woche vor Semesterstart (sprich Anfang Februar) zwei Seiten mit meiner Version vom verlorengegangenen oder nie geschriebenen Ende abgeben. YAY, Arbeit! Ne ganze Menge! Und dabei hatte ich mich gefreut, mal ein wenig Zeit für mich zu haben und vor allem für meine Schüler, denn die Schule hat ja am Montag auch wieder angefangen. Und im Studiladen musste ich am Dienstag auch ganz spontan noch kurz aushelfen.

Also habe ich fix die Bücher im Studiladen bestellt, gestern schonmal eine unglaublich lange To Do-Liste gebastelt, erstelle im Kopf schonmal einen Wochenplan und arbeite frisch-fröhlich drauflos. Glücklicherweise hat mir mittelhochdeutsche Literatur schon immer Spass gemacht.

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Meine Vorstellung von einem guten Wochenende

Am Samstagmorgen früh aufstehen und mich auf dem Markt mit Gemüse und Früchten für die Woche eindecken.

Den Rest des Tages mit Lesen und Arbeiten verbringen.

Am Abend erst für die (und mit den) Mitbewohner Rösti machen (weil wir inzwischen schon einiges an indischen und chinesischen Gerichten gesehen, aber noch nie etwas traditionell schweizerisches gemacht haben). Danach noch kurz (wirklich kurz) bei der Party im Haus nebenan vorbeischauen und dabei eine Menge Studenten aus allen möglichen Ländern kennenlernen.

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Am Sonntag ausschlafen, ausgiebig frühstücken, eine Runde lesen und dann mit der Mitbewohnerin um den See spazieren (geplant war Joggen, aber wir haben beide schlapp gemacht, also wurde es eben ein schneller und dafür umso längerer Spaziergang). Zum Mittagessen mit dem gekauften Gemüse ein neues Rezept ausprobieren, das dann auch noch gut schmeckt. Dazwischen immer wieder etwas für die Uni lesen, die meiste Zeit auf dem Balkon. Nachmittags mit der Mitbewohnerin ein Muffin-Rezept ausprobieren (Urteil: sehr gut, aber zu wenig Zucker). Wieder lesen. Abends dann noch etwas stricken und vor dem Zubettgehen mit den Mitbewohnern Tee trinken.

Und am Montagmorgen in einer dicken Nebelsuppe aufwachen…

Erste Semesterwoche

Die erste Woche des Herbstsemesters ist schon fast vorbei und ich kann euch eins sagen: Ich bin K.O. Zum einen hatte ich ganz vergessen, wie anstrengend die Uni sein kann, zum anderen habe ich mir diese Woche eindeutig zu viel aufgehalst. Jeden Abend war irgendetwas los, sodass ich selten vor halb elf ins Bett gekommen bin (ich musste immerhin jeweils spätestens um 6 aufstehen) und ich weiss gerade nicht, wie ich alles, was ich auf nächste Woche lesen und sonst erledigen muss, überhaupt schaffen soll. Ach ja, und ich hab mir am Montag meinen rechten Daumen verstaucht.

Egal, genug gejammert, nun zu den positiven Seiten:

  • Die Pädagogik-Vorlesungen sind weit besser, als befürchtet (will heissen: tatsächlich interessant). Ich glaube, jetzt, wo ich (fast) alles, was ich höre, direkt umsetzen kann, wird das Ganze auch viel leichter zugänglich.
  • Es ist super, meine Freunde wieder zu sehen. Leider bin ich noch nicht allen über den Weg gelaufen, aber nur schon die paar bekannten Gesichter tun richtig gut.
  • Meine WG ist toll. Wirklich. Die letzten zwei Wochen waren echt cool. Und das WG-Essen gestern Abend erst recht. Obwohl ich zu wenig von der veganen Lasagne abgekriegt habe und um elf schon wieder hungrig war.
  • Ich hab am Montag zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder Volleyball gespielt (da habe ich mir auch den Daumen verstaucht) und am Mittwoch war ich mit meiner Schwester im Yoga. Das hat mich zwei Dinge gelehrt: Erstens muss ich mehr Sport machen (der Muskelkater war unerträglich) und zweitens macht Yoga irgendwie noch mehr Spass, wenn noch jemand anderes dabei ist, den man kennt.
  • Endlich wieder richtige Vorlesungen mit Seminararbeiten und Referaten und Forschungsauftrag und überhaupt. YAY!

Das Semester verspricht, richtig, richtig gut zu werden.

(Übrigens: Morgen wird mein Bachelordiplom versendet :-D)

Ferienbeschäftigungen

Hatte ich gesagt, ich hätte jetzt Ferien? Ich glaub, ich hab mich im Datum vertan. Aktuell sieht mein Kalender eher wie ein Marathonlauf von Termin zu Termin aus. Das dauert auch noch bis circa Mitte Juli und DANN habe ich erstmal sowas wie Ferien. Dafür gab’s im Studiladen in den letzten paar Tagen ein paar tragikomische (kann man das so sagen?) Szenen. Zur Zeit hat die Rechtswissenschaftliche Fakultät nämlich Prüfungsphase, das heisst, man kann an der Uni alle möglichen Stadien der Verzweiflung und Mutation zum nur-noch-funktionierenden statt tatsächlich-lebenden Menschen beobachten. Einige Studenten scheinen noch erstaunlich gut gelaunt und wach zu sein für die Tatsache, dass sie wohl seit vier Wochen jeden Tag acht Stunden in der Bibliothek sitzen. Ich frage mich zwar, ob das nicht vor allem an der Überdosis Kaffee, Energydrinks und anderen Energiespendern liegt. Ich will auch gar nicht wissen, wie k.o. die Leute dann nach der letzten Prüfung sind.

Andere drehen schon fast durch und laufen blind und taub durch den Laden, sodass ich fast versucht bin, mir von ihnen eine Einkaufsliste geben zu lassen, damit ich ihnen alles zusammensuchen kann. Zum Glück sind dieses Jahr zumindest die Prüfungsblöcke auf Vorrat. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie die Stimmung wäre, wenn die fehlten. Tatsache ist aber auch, dass die meisten Studenten im Moment gar nicht genug Energie haben, um sich darüber aufzuregen, dass irgendwas fehlt (ausser, sie brauchen das Buch genau JETZT – dann gleicht das Ganze aber eher einem Nervenzusammenbruch). So ist die ganze Sache immerhin ein ganz kleines bisschen entspannt.

Die Bachelorarbeit liegt jetzt seit eineinhalb Wochen beim Prof. Es kommt mir aber schon viel länger vor und ich muss mich zusammenreissen, um nicht ständig meine Mails abzurufen, weil ja vielleicht doch die Bewertung schon da ist. Gerade habe ich aber doch schon die Leistungsübersicht angeschaut. Vielleicht ist die Nervosität der Jusstudenten ja ansteckend? Egal – es dauert sicher noch bis Ende Juni. Bis dahin sollte ich mich entspannen, ich werd‘ hoffentlich eh bestanden haben.

Ein grosser Vorteil der Tatsache, dass das Semester vorbei ist und ich trotzdem noch fast jeden Tag zwei Stunden Zug fahre ist, dass ich jetzt ganz viel Zeit zum Lesen habe. Und ich bin schon fast wieder auf meinem alten Lesetempo. Seit Auffahrt habe ich mindestens fünf Bücher gelesen. Und jetzt gerade hab ich ENDLICH mal 20’000 lieues sous les mers von Jules Verne in Angriff genommen. Das hat mir eine Freundin letztes Jahr auf den Geburtstag (der wohlgemerkt im Januar ist) geschenkt und ich hab’s bis jetzt einfach noch nicht geschafft, es zu lesen. Aber inzwischen bin ich schon zur Hälfte durch und kann’s kaum noch weglegen (an dieser Stelle nochmals danke für das tolle Geschenk 😉 ). Auf dem Nachttisch wartet übrigens schon das dickste Buch der Welt: Les Misérables von Victor Hugo – unmöglich, das Ding in die Tasche zu packen! Aber jetzt soll’s ja bald etwas ruhiger werden, also kann ich zu Hause auch mal was lesen. Ferien sind doch toll 🙂

Abwechslung macht das Leben süss

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, dieses Semester viel mehr an der Uni zu lernen. Ganze drei Wochen habe ich es geschafft, jeden Morgen um sechs (oder sogar halb sechs) aufzustehen und an die Uni zu fahren, vor oder nach der Arbeit und den Vorlesungen in den Begegnungsraum des Deutschen Seminars zu sitzen und für meine Bachelorarbeit zu lesen. Jetzt ist bereits wieder Schluss damit. Schon am Montag hatte ich unglaubliche Mühe, rechtzeitig aufzustehen und meinen Zug zu erwischen und gestern wurde es sogar schon knapp für den acht Uhr-Zug. Also habe ich beschlossen, heute mal wieder zu Hause zu lernen.

Natürlich sind da schon wieder die alten Störfaktoren: einladend aussehende Bücher, die auf dem Tisch liegen, wenn ich mir eine Tasse Tee hole, draussen wird heute eine Mauer betoniert und der Betonmischer (oder was das auch immer ist) macht einen Riesen-Krach, meine Schwester und mein Vater sind heute Morgen auch da und von meinem Kater, der bei diesem wunderbaren Frühlingswetter eh spinnt, will ich gar nicht erst anfangen.

ABER – und jetzt kommt der tolle Teil – für einmal musste ich mich nicht schon um halb sechs aus dem Bett quälen, um um viertel vor acht schon am Schreibtisch zu sitzen, im Gegensatz zum Begegnungsraum hat mein Zimmer ein Fenster mit Aussicht (leider ist es heute etwas dunstig, aber das macht ja nichts), ich habe bereits meine zweite Tasse Tee getrunken und wenn die Arbeiter nicht den ganzen Tag dran sind werde ich wohl am Nachmittag draussen sitzen und arbeiten. UND: Ich kann mich in meine Lieblings-Kuschelhose und Kapuzenpullover werfen.

Morgen werde ich dann wohl trotzdem mal noch einen anderen Arbeitsplatz an der Uni suchen. Die Tendenz zur Ablenkung ist eindeutig kleiner. Aber für heute ist zu Hause auch ganz ok. 🙂

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Schritt für Schritt in Richtung einer besseren Lesetechnik

Unglaublich, wie die Zeit verfliegt, wenn man arbeitet (bzw. arbeiten müsste). Die Semesterferien sind schon fast zur Hälfte vorüber und ich habe das Gefühl, mit der Prüfungsvorbereitung überhaupt nirgedns zu sein. Immerhin habe ich jetzt endlich mein letztes Prüfungsresultat aus Lausanne erhalten und weiss zumindest, dass ich die Prüfung definitiv im September ableben muss. Komischerweise macht das die Sache nicht unbedingt einfacher. Ich pendle zur Zeit zwischen Panik und einer „das kommt schon“-Einstellung, die beide nicht unbedingt förderlich für meine Disziplin sind. Wer einen Geheimtipp hat, wie man sich dazu zwingen kann, konzentriert zu arbeiten, soll sich doch bitte bei mir melden. Ich bin für jeden Hinweis dankbar!

Diese Woche musste ich wieder einmal mehr feststellen, dass ich mich bezüglich Lesetechnik zumindest bei wissenschaftlichen Artikeln überhaupt nicht an meine eigenen Vorsätze halte. Anstatt immer brav die Lektüre vorzubereiten, indem ich erstmal die Übertitel lese, die Kapitel kurz überfliege und mir so schonmal ein Bild vom Text mache, lese ich meistens einfach so drauflos. Das macht sich dann auch schnell bemerkbar. Langer Rede kurzer Sinn: Eigentlich macht mir Linguistik ja Spass. Ich finde, es gibt echt interessante Dinge, die man untersuchen kann und gerade in einer Fremdsprache ist es ein Abenteuer, immer wieder Neues zu erfahren. Aber im Moment habe ich schlicht und einfach keine Lust darauf, zum hundertsten Mal einen Einführungstext in die Syntax zu lesen (mal abgesehen davon, dass es noch niemand hinbekommen hat, eine verständliche Einführung in die Generative Grammatik zu schreiben – wenn ihr wisst, was ich meine).

Aber dann, am Dienstagabend, kam die Erleuchtung in Form von Verena Steiners Buch Lernpower. Darin wird eigentlich bis jetzt noch nicht viel vorgeschlagen, was ich nicht schon kennen würde, aber es hat mir dabei geholfen, mir mal wieder in Erinnerung zu rufen, welche Prinzipien ich beim Lesen eigentlich befolgen müsste. Was mir aber vor allem auf die Sprünge geholfen hat, war der Vorschlag, die Struktur eines Texts bei Schritt 1 (sich einen Überblick verschaffen) in einer Mind Map darzustellen. Wie ich schonmal erwähnt habe, liebe ich Mind Maps. Aber vor allem hilft mir die Tatsache, dass ich schon vor dem Lesen das Gerüst für die Mind Map aufbaue und später dann nur noch die wichtigsten Informationen aus dem Text ergänzen muss, einfach dabei, konzentriert bei der Sache zu bleiben. Ich behalte den Überblick darüber, was noch zu tun ist, welche Stichworte noch erklärt werden sollten und wie weit ich schon gekommen bin.

Ein weiterer Punkt, bei dem mir das Mind Mapping auch geholfen hat, war das Nachbereiten des Textes. Ich bearbeite zur Zeit ein Buch zur allgemeinen Einführung in die Linguistik, das doch ziemlich dicht mit Informationen bestückt ist. Dadurch werden die Maps ziemlich gross und wenn ich einen Abschnitt fertiggelesen habe, sehe ich mich quasi gezwungen, nochmal über meine komplette Arbeit drüberzugehen und zu versuchen, doppelte Informationen rauszustreichen oder manche Teile neu zu strukturieren, damit es übersichtlicher und verständlicher wird. Damit besiege ich meinen inneren Schweinehund, der immer gleich zum nächsten Text weiterrennen will, relativ leicht. Motivation ist doch etwas schönes 🙂

Ausserdem überlege ich im Moment, ob ich vielleicht zum Semesterstart jeweils meinen Laptop mit an die Uni nehmen und meine Vorlesungsnotizen künftig in Mind Map-Form verfassen sollte. Letzteres hatte ich schon länger vor, aber die Tatsache, dass ich ungern von Hand Maps erstelle, hat mich davon abgehalten. Da mein neuer Laptop aber verhältnismässig leicht ist und mit einer anständigen Akkulaufzeit brilliert, liesse sich das vermutlich machen. Dann muss ich aber über die Sommerferien noch etwas an meiner Disziplin arbeiten, damit ich dann nicht ständig auf Facebook rumdümpel.

Lesen: Dramen

Dramen haben zur Zeit das allergrösste Potential, meine neue Lieblingslektüre zu werden. Früher konnte ich sie nicht ausstehen, aber heute gefallen sie mir durch viele Punkte.

  • Sie sind schnell gelesen. Zumindest die klassischen, französischen Dramen, die ich zur Zeit für die Leseliste bearbeiten muss, lesen sich in einem einzigen Nachmittag, wenn ich durchhalte.
  • Es geht vorwärts. Was ich an gewissen Romanen (und die Franzosen sind da meiner Meinung nach Spitze) nicht ausstehen kann ist, wenn die Handlung seitenweise um das gleiche dreht oder einen Zeitrahmen von dutzenden Jahren abdeckt (der Grund, warum ich Buddenbrooks nie fertiggelesen habe). In Dramen ist die Handlung normalerweise innerhalb von 24 Stunden erledigt, es gibt meist nur einen Handlungsort und die Anzahl der Figuren hält sich stark in Grenzen. Kurz, knackig, genau so wie ich das gerne habe.
  • Sie bieten sooo viel Analyse-Potential. Das ist das Geniale daran, wenn man Literatur studiert. Ich kann ein Drama einfach so zum Spass lesen, weglegen und mir nie mehr Gedanken darüber machen. ODER ich mache mich hinter die Kommentare, das Vorwort, das Nachwort und was sonst noch alles an Zusatzmaterial verfügbar ist und kann mich stundenlang über Rezeptionsgeschichte, Aufführungen, Interpretationen usw. informieren.

Und damit ich für mich auch immer einen Überblick über die wichtigsten Punkte habe, mache ich mir in der Regel Notizen zu Folgendem:

  1. Figurenkonstellationen
    Die sind immer wichtig und interessant. Meistens mache ich mir ein kleines Schema dafür, wer mit wem verwandt, verschwägert, liiert, verfeindet oder sonstwie verbunden ist. Das hilft auch dabei, Mechanismen der Handlung zu verstehen.

    Figurenkonstellation für den Tartuffe von Molière

    Figurenkonstellation für den Tartuffe von Molière

  2. Einhaltung der Vorgaben
    Dramen waren jahrhundertelang strengen Regeln unterworfen. Fünf Akte, aufgeteilt in Exposition, Höhepunkt und Katastrophe, mit den entsprechenden Übergängen dazwischen. Dazu kommen die Regeln der „unité“ (das deutsche Wort ist mir entfallen) von Zeit, Ort und Handlung. Und das Spiel mit genau diesen Regeln macht ein Drama doppelt interessant.
  3. Anwesenheit und Abwesenheit der Figuren
    Das ist neu für mich, aber in einer Vorlesung im Frühlingssemester hat uns eine Professorin anhand eines Anwesenheitsprotokolls zu Cinna von Corneille einige sehr interessante Punkte erklären können. Deshalb habe ich angefangen, das für die Dramen, die ich zur Zeit lesen muss, zu machen, und es ist wirklich sehr interessant, was man herausfindet, wenn man nur schon sieht, wer wie viel Präsenzzeit hat und welche Figuren oft miteinander auf der Bühne stehen.
    Hier (Tartuffe) findet ihr ein Beispiel für so ein Anwesenheitsprotokoll. Alle Felder, die grün „ausgemalt“ sind, bedeuten Anwesenheit der entsprechenden Figur in der jeweiligen Szene.
  4. Handlungsstränge
    Das habe ich auch erst im letzten Semester erfahren, aber dieselbe Professorin, die uns das Anwesenheitsprotokoll präsentiert hat, meinte auch, wir sollten uns jeweils darüber Gedanken machen, welche verschiedenen Handlungsstränge bzw. Ziele es gibt. Jede Figur hat verschiedene Ziele in einem Stück (z.B. die Eroberung einer Geliebten, das Erreichen der Gunst des Königs etc.) und arbeitet daran. Verschiedene Ziele stehen miteinander in Konflikt, was ja erst dazu führt, dass man ein Stück daraus macht. Diese Konstellationen herauszufinden, macht erstaunlich oft sogar Spass 🙂

Natürlich ist das jetzt nur ein ganz kurzer Überblick darüber, was man an einem Drama alles analysieren kann. Die Vorlesung, die ich im letzten Semester zu dem Thema besucht habe, hat mir gezeigt, dass es unzählige Aspekte an einem Theaterstück gibt, die man untersuchen kann. Je nach Epoche und Typ des Dramas (Komödie, Tragödie, Tragikomödie) kommen andere Dinge hinzu, die man beachten muss. Macht die Sache auf der einen Seite schwieriger, auf der anderen Seite unglaublich interessant. 🙂

Lesen: Romane

Romane, Novellen und Ähnliches glauben wir ja alle zu kennen. Die ersten Texte, mit denen wir in Berührung kommen, sind meistens mehr oder weDSC_0187niger kurze epische Texte in Form von Märchen, Kindergeschichten und so weiter. Auch in der Schule sind es zunächst einmal die Romane und Novellen, denen man sich zuwendet, Theaterstücke kommen erst später und Gedichte werden meist ja so oder so nur sporadisch behandelt. Als ich dann aber an die Uni gekommen bin, wurde meine Sicht auf Romane und andere epische Erzählformen gleich doppelt revolutioniert.

Erstens musste ich lernen, dass nicht alle Texte so einfach zu lesen und zu verarbeiten sind wie die Jugendromane, die ich bis zur Matura (und bis heute) so gerne gelesen habe. Was natürlich überhaupt nicht schlimm ist, denn inzwischen bin ich so richtig fasziniert davon, wie viele Möglichkeiten das bietet, was wir gemeinhin unter „Roman“ zusammenfassen. Es gibt unzählige Formen, der Fantasie der Autoren ist kaum eine Grenze gesetzt. Die Gefahr liegt einfach darin, dass man ein Buch, auf dem vorne „Roman“ oder „Novelle“ drauf steht (oder von dem wir erwarten, dass es unter eine dieser Kategorien fällt), relativ locker angehen und einfach so mal von vorne nach hinten durchlesen, wie wir es mit einem „Freizeitbuch“ auch machen würden. Das wird aber allzu vielen Texten nicht gerecht. Bei den Texten, die ich für die Uni lese, muss ich oft einige Abschnitte mehrmals lesen oder nochmals zu einem früheren Abschnitt zurückspringen, weil ich plötzlich etwas verstehe, was davor nicht klar war. Und in den meisten Fällen erschliesst sich die ganze Faszination für einen Text erst, wenn man über den Inhalt hinausgehen und auch andere Aspekte betrachten kann. Und dafür brauchte es die zweite Revolution in meiner Weltsicht.

Die kam ungefähr nach vier oder fünf Wochen an der Uni in Form einer Vorlesung über Narratologie, von der ich zunächst einmal gar nichts verstanden habe. Nicht, weil der Inhalt so schwer gewesen wäre – der Professor, der diese Vorlesung gehalten hat, hatte einfach einen Vortragsstil, an den ich mich zuerst noch gewöhnen musste. Es wurde dann ein wenig besser, nachdem ich den ersten Text dazu gelesen hatte (einen Ausschnitt aus dem für mich inzwischen allgegenwärtigen Martinez/Scheffel). Seitdem bin ich absolut fasziniert von der Narratologie und finde es schade, dass man so was in einer vereinfachten Form nicht schon an den Gymnasien lehrt.

Warum? Das ist relativ einfach: Die Narratologie und insbesondere die Erzähltextanalyse nach Gérard Genette bietet einen zumindest oberflächlich einfach zugänglichen und vor allem sehr systematisch anwendbaren Werkzeugkasten, um einen epischen Text einmal auf die grundlegenden Dinge wie Zeit, Erzählstimme und Erzählmodus herunterzubrechen (eine wunderbare Übersicht über die verschiedenen Aspekte gibt es hier). Wenn man nur schon ein paar Aspekte aus dem breiten Spektrum analysiert hat, dann hat man bereits eine schöne Grundlage, um eine ganze Textanalyse zu machen. Wenn ich also einen epischen Text lese, dann achte ich beim ersten Durchlesen einfach mal auf einfache Dinge wie die Ordnung in der Zeit, die Stellung des Erzählers zum Geschehen und die Frage, wie viel Einsicht ich ins Innenleben der Figuren habe. Mit der Zeit geht das einem so sehr ins Blut über, dass man es beim Lesen kaum noch merkt.

Wenn ich also schon die wichtigsten Aspekte abgedeckt habe, kann ich in einem zweiten Durchgang etwas detaillierter auf weitere Aspekte und den Schreibstil eingehen. Gleichzeitig lese ich dann auch das Vorwort (ja, das lese ich meistens NACH dem Haupttext) und eventuelle weitere Kommentare zum Text, die im Buch vorhanden sind. Und wenn es denn noch nötig ist (je nachdem, wie intensiv ich den Text analysieren muss) konsultiere ich anschliessend weitere Sekundärliteratur auf der Suche nach verschiedenen Interpretationsansätzen, Motiven, Verbindungen zu anderen Texten und der Lebenswelt des Autors.

Natürlich kann man das Vorgehen nicht so einfach schematisieren. Jedes Werk verlangt eine andere Herangehensweise. Manche sind aus narratologischer Sicht besonders interessant, während sich andere wiederum besonders dafür anbieten, die Intertextualität oder Verbindungen zu historischen Ereignissen zu untersuchen. Das hängt natürlich auch vom persönlichen Geschmack und den persönlichen Vorlieben ab. Je mehr „Werkzeuge“ man aber zur Verfügung hat, desto interessanter wird die Analyse eines literarischen Textes. Und ja – selbst so kann man ein Buch noch „einfach so zum Spass“ lesen.