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Lesen: Romane

Romane, Novellen und Ähnliches glauben wir ja alle zu kennen. Die ersten Texte, mit denen wir in Berührung kommen, sind meistens mehr oder weDSC_0187niger kurze epische Texte in Form von Märchen, Kindergeschichten und so weiter. Auch in der Schule sind es zunächst einmal die Romane und Novellen, denen man sich zuwendet, Theaterstücke kommen erst später und Gedichte werden meist ja so oder so nur sporadisch behandelt. Als ich dann aber an die Uni gekommen bin, wurde meine Sicht auf Romane und andere epische Erzählformen gleich doppelt revolutioniert.

Erstens musste ich lernen, dass nicht alle Texte so einfach zu lesen und zu verarbeiten sind wie die Jugendromane, die ich bis zur Matura (und bis heute) so gerne gelesen habe. Was natürlich überhaupt nicht schlimm ist, denn inzwischen bin ich so richtig fasziniert davon, wie viele Möglichkeiten das bietet, was wir gemeinhin unter „Roman“ zusammenfassen. Es gibt unzählige Formen, der Fantasie der Autoren ist kaum eine Grenze gesetzt. Die Gefahr liegt einfach darin, dass man ein Buch, auf dem vorne „Roman“ oder „Novelle“ drauf steht (oder von dem wir erwarten, dass es unter eine dieser Kategorien fällt), relativ locker angehen und einfach so mal von vorne nach hinten durchlesen, wie wir es mit einem „Freizeitbuch“ auch machen würden. Das wird aber allzu vielen Texten nicht gerecht. Bei den Texten, die ich für die Uni lese, muss ich oft einige Abschnitte mehrmals lesen oder nochmals zu einem früheren Abschnitt zurückspringen, weil ich plötzlich etwas verstehe, was davor nicht klar war. Und in den meisten Fällen erschliesst sich die ganze Faszination für einen Text erst, wenn man über den Inhalt hinausgehen und auch andere Aspekte betrachten kann. Und dafür brauchte es die zweite Revolution in meiner Weltsicht.

Die kam ungefähr nach vier oder fünf Wochen an der Uni in Form einer Vorlesung über Narratologie, von der ich zunächst einmal gar nichts verstanden habe. Nicht, weil der Inhalt so schwer gewesen wäre – der Professor, der diese Vorlesung gehalten hat, hatte einfach einen Vortragsstil, an den ich mich zuerst noch gewöhnen musste. Es wurde dann ein wenig besser, nachdem ich den ersten Text dazu gelesen hatte (einen Ausschnitt aus dem für mich inzwischen allgegenwärtigen Martinez/Scheffel). Seitdem bin ich absolut fasziniert von der Narratologie und finde es schade, dass man so was in einer vereinfachten Form nicht schon an den Gymnasien lehrt.

Warum? Das ist relativ einfach: Die Narratologie und insbesondere die Erzähltextanalyse nach Gérard Genette bietet einen zumindest oberflächlich einfach zugänglichen und vor allem sehr systematisch anwendbaren Werkzeugkasten, um einen epischen Text einmal auf die grundlegenden Dinge wie Zeit, Erzählstimme und Erzählmodus herunterzubrechen (eine wunderbare Übersicht über die verschiedenen Aspekte gibt es hier). Wenn man nur schon ein paar Aspekte aus dem breiten Spektrum analysiert hat, dann hat man bereits eine schöne Grundlage, um eine ganze Textanalyse zu machen. Wenn ich also einen epischen Text lese, dann achte ich beim ersten Durchlesen einfach mal auf einfache Dinge wie die Ordnung in der Zeit, die Stellung des Erzählers zum Geschehen und die Frage, wie viel Einsicht ich ins Innenleben der Figuren habe. Mit der Zeit geht das einem so sehr ins Blut über, dass man es beim Lesen kaum noch merkt.

Wenn ich also schon die wichtigsten Aspekte abgedeckt habe, kann ich in einem zweiten Durchgang etwas detaillierter auf weitere Aspekte und den Schreibstil eingehen. Gleichzeitig lese ich dann auch das Vorwort (ja, das lese ich meistens NACH dem Haupttext) und eventuelle weitere Kommentare zum Text, die im Buch vorhanden sind. Und wenn es denn noch nötig ist (je nachdem, wie intensiv ich den Text analysieren muss) konsultiere ich anschliessend weitere Sekundärliteratur auf der Suche nach verschiedenen Interpretationsansätzen, Motiven, Verbindungen zu anderen Texten und der Lebenswelt des Autors.

Natürlich kann man das Vorgehen nicht so einfach schematisieren. Jedes Werk verlangt eine andere Herangehensweise. Manche sind aus narratologischer Sicht besonders interessant, während sich andere wiederum besonders dafür anbieten, die Intertextualität oder Verbindungen zu historischen Ereignissen zu untersuchen. Das hängt natürlich auch vom persönlichen Geschmack und den persönlichen Vorlieben ab. Je mehr „Werkzeuge“ man aber zur Verfügung hat, desto interessanter wird die Analyse eines literarischen Textes. Und ja – selbst so kann man ein Buch noch „einfach so zum Spass“ lesen.